Wenn man das vielseitigste Trekkingland im Himalaya sucht, landet man schnell bei Nepal. Und wenn man dort die Region mit den unterschiedlichsten Landschaften und Kulturen sucht, stößt man unweigerlich auf die Region um die Annapurna-Kette. Warum ist das so und was macht diese Vielseitigkeit aus?

Unterschiedlichste Naturlandschaften
Der Himalaya zeigt von Westen nach Osten und vor allem von Norden nach Süden die unterschiedlichsten Landschaften. Tendenziell ist es im Westen etwas trockener und im Osten etwas feuchter. Dieser Unterschied ist aber extrem zwischen Nord und Süd. Während auf der Südseite des Himalaya feuchte Nebelwälder zu Hause sind, die vom Monsun ernährt werden, findet man auf der Nordseite trockene Steppen und sogar Wüsten.
Dieser Unterschied ist dort besonders groß, wo die Himalaya-Ketten am höchsten sind. Ja, ihr habt es schon erraten: Das trifft besonders auf die Region um die Annapurna zu. Hier liegen nur 35 Kilometer Luftlinie zwischen feuchtem Dschungel mit 6000 mm Niederschlag und den nördlichen Trockentälern, in denen es kaum mal regnet. Dazwischen erstreckt sich von West nach Ost die über 8000 Meter hohe Annapurna-Kette, die dazu beiträgt, dass die beiden Klimaregionen scharf voneinander abgegrenzt sind.
Was bedeutet das nun für eine Trekkingreise? Lasst uns mal eine imaginäre Annapurna Trekkingtour starten, am besten die Annapurnarunde.
Die feuchte Annapurna-Südabdachung
Wenn ich auf der Südseite der Annapurna starte, so wie das meist der Fall ist, dann bewege ich mich anfangs in einer Region, die von Reisfeldern und dichtem Dschungel geprägt ist. Hier ist Wasser allgegenwärtig.
Wandere ich nun Richtung Norden, Richtung Berge, dann geht es stetig bergauf. Reisfelder werden ab einer gewissen Höhe immer weniger und Maisfelder oder später und höher Felder mit Gerste und Buchweizen prägen die Landschaft. Landwirtschaft und Höhenwälder profitieren aber auf der Südseite immer noch vom häufigen Niederschlag.

Weiter auf der Trekkingroute, zum Beispiel der Annapurna-Runde, durchbrechen tief eingeschnittene Täler die Hauptkette. Hier ändert sich die Landschaft fast mit jedem Schritt. Die tief eingeschnittenen Schluchten haben ihren ganz eigenen Charakter und wenn man sie nach Norden durchwandert, gelangt man nach einer Steilstufe in weite Hochtäler, die ihre Entstehung durch die Gletscher der Eiszeit nicht verhehlen können.
Trockene Hochtäler der Annapurna-Nordseite
Im Norden ist es gleich deutlich trockener. Im Falle der Annapurna-Runde wandern wir durch das Manang-Tal, das sich von Ost nach West erstreckt. So liegen die Talflanken einmal Richtung Süden exponiert und einmal Richtung Norden.
Während auf der nordexponierten Talseite dichte Wälder bis weit hinauf in die alpine Zone reichen, findet man auf der südexponierten Talseite eher Buschwerk und Steppe, aber auch Trockenwälder mit Wacholder und Zypressen. Der Talboden ist relativ weit und nach den engen, bewaldeten Kerbtälern im Süden der Annapurna-Kette kann der Blick nun weit in die Landschaft schweifen.

Fels und Gletscher an den hohen Pässen
Mit dem Fortschreiten unserer imaginären Trekkingtour gewinnen wir auch immer mehr an Höhe. Das kulminiert hinter Manang in einem ca. 5500 m hohen Pass, dem Thorong La. Haben wir die Höhe erreicht, fühlen wir uns schon fast im Kontakt zu den umgebenden Gletschern. Die Aussicht von oben auf die langen Gletscherzungen der nordexponierten Seite ist fantastisch und nach Dschungel und Steppe erleben wir hier die hochalpinen Zonen des Himalaya hautnah.
Hochgebirgshalbwüste um Jomsom, Kagbeni und Muktinath
Aber das war noch nicht alles. Denn wenn wir vom Thorong La wieder absteigen Richtung Muktinath und Kagbeni, dann wird es noch mal trockener und die Umgebung kann man eher als Halbwüste bezeichnen. Dichte Bergwälder sind nun überhaupt nicht mehr zu sehen, dafür aber ein weites, wüstenhaftes Land, das mindestens genauso eindrucksvoll ist wie alles, was wir bisher gesehen haben.

Der steilste Abstieg auf der Annapurna-Runde – und diese nehme ich als Beispiel, weil sie alle Klimazonen durchläuft – endet vorerst in Kagbeni oder Jomsom. Hier erreichen wir das Kali-Gandaki-Tal. Das ist ein Fluss, der seinen Weg von Norden aus der tibetischen Hochebene Richtung Süden durch den Himalaya gefunden hat und letztendlich in den Ganges mündet.
Dieses Tal hat wiederum ganz neue landschaftliche Eigenheiten. Es gilt als das am tiefsten eingeschnittene Tal der Welt, denn die Gipfel von Dhaulagiri und Annapurna ragen hier rechts und links über 8.000 Meter auf. Während der Fluss sich nach Süden hin immer tiefer einschneidet, tauchen auch wir mit jedem Schritt Richtung Süden tiefer in diese Schlucht ein und es wird wieder subtropischer.
Die Wälder, anfangs licht und offen, werden nach und nach wieder dichter. Und wenn wir die Schlucht durchschritten haben und in Tatopani ankommen, stehen wir wieder auf der Südseite der Annapurna-Kette – mit Reisfeldern und dichtem Dschungel.
Kulturlandschaftswandel auf der Annapurna-Runde
Die Annapurna-Runde ist auch ein schönes Beispiel dafür, wie auf engstem Raum unterschiedlichste Kulturen und unterschiedlichste kulturelle Ausprägungen zu finden sind. Starten wir also die Annapurna Trekkingtour noch einmal neu:
Luftige und feste Häuser mit Satteldach, Reis- und Maisterrassen
Beim Start auf der Südseite wohnen die Leute traditionellerweise in niedrigen, einfachen Hütten, die vor allem luftig sind und gegen den Regen schützen. In den Lagen unter 2000 m etwa wird vorzugsweise Reis angebaut, der in bewässerten Terrassenfeldern gedeiht. Diese Landschaft ist wie mit der Wasserwaage angelegt und extrem beeindruckend.
Je weiter man aufsteigt, werden die Häuser immer stabiler und zeigen aber immer noch die ausgeprägten Satteldächer, die den Monsun von den Bewohnern fernhalten. Oberhalb von 2000 m ist dann meist der Mais die Feldfrucht der Wahl. Die Terrassen sind nicht mehr so akkurat angelegt, da man den Mais ja nicht auf gefluteten Feldern wachsen lässt.
Flachdächer, hohe Mauern, Gerste und Buchweizen
Sobald wir durch die Schluchten der Annapurna auf die Nordseite kommen, ändert sich die Kulturlandschaft grundlegend. Nun zeigen die Häuser der Einheimischen traditionellerweise Flachdächer, auf denen sich ein Teil des Lebens abspielt. Ein Satteldach ist nicht mehr nötig, denn hier regnet es nur noch wenig. Hohe Mauern schützen gegen Wind.

Gleichzeitig konzentrieren sich diese kompakten Dorfstrukturen an Stellen, die von der Sonne verwöhnt werden. Weil man gleichzeitig auch an Höhe gewonnen hat, muss man sich hier vor allem vor Kälte und Wind schützen. So sind die meisten Orte so angelegt, dass sie Richtung Süden oder Südosten exponiert sind. Dann scheint schon morgens die Sonne auf das Dorf und wärmt es den ganzen Tag über auf. Und im Frühjahr taut der Schnee hier sehr schnell.
Auf den Feldern sind Gerste und Buchweizen hier die Getreide der Wahl. Beides kommt gut mit Höhe und Trockenheit klar.
Auf den Nordhängen, die lange Zeit des Tages im Schatten liegen, findet man dagegen keine größeren Siedlungen. Hier wird Holz geschlagen und Vieh geweidet. Für Letzteres werden auf beiden Talseiten auch Hochalmen genutzt, wo vor allem Yaks und Schafe den Sommer verbringen.
Dörfer wie Burgen und vom Schnee abhängige Felder
Hinter dem oben schon genannten Thorong La (5.416 m) wird die Anpassung an Kälte und Trockenheit noch extremer. Die Orte erinnern sehr stark an Burgen oder an die Berberdörfer im Atlas. So kompakt sind sie gebaut, um der Kälte und den Staubstürmen zu trotzen.
Findet man nur dort, wo in langen Gräben Wasser herangeführt werden kann aus sommerlich noch vorhandenen Schneefeldern.
Und alles wieder umgekehrt
Südlich von Jomsom verwandelt sich die Kulturlandschaft dann wieder zurück in das, was wir schon vom Ausgangspunkt her kennen.

Ihr seht also: Die Überschneidung von nördlicher Trockenzone und subtropischem Klima im Süden in Verbindung mit den unterschiedlichen Höhenlagen im Himalaya ergibt auf engstem Raum ein unglaubliches Kaleidoskop an verschiedenen Naturlandschaften und Naturlandschaftsausprägungen.
Die Völker im Annapurna-Gebiet
Ohne im Detail darauf eingehen zu wollen, soll hier aber auch erwähnt werden, dass die Bevölkerung ethnisch, kulturell und religiös genauso vielfältig ist wie die anderen Landschaftselemente.
Während der Norden vor allem mit tibetischen Ethnien besiedelt ist, die dem buddhistischen Lamaismus anhängen, findet man im Süden sehr stark die indisch-hinduistischen Einflüsse. Und dazwischen leben die sogenannten altnepalischen Ethnien, die schon seit Menschengedenken die mittleren Höhenlagen im Himalaya besiedeln.
Mehr zu den Kulturen in Nepal habe ich im Artikel Kultur Nepal geschrieben.

Fazit
Man kann also mit Fug und Recht sagen, dass die Region um die Annapurna das Gebiet im Himalaya ist, wo sich die unterschiedlichsten charakteristischen Kultur- und Landschaftstypen des Himalaja auf engstem Raum begegnen.
Das bedeutet, dass man auf einer Trekkingtour in dieser Region so verschiedene Landschaften und Kulturen zu sehen bekommt wie sonst nirgendwo im Himalaja. Vermutlich noch nicht mal irgendwo anders auf der Erde.